Wer zählt die Pässe…?


Mit dem ATV beim Pothole Rodeo Austria. Pothole Rodeo? Das ist eine Art Low Budget Rallye für alte oder zumindest ganz schön alt aussehende Fahrzeuge. Regeln gibt es so gut wie keine, dafür umso mehr Spaß. 2027 soll es erstmals auch eine ATV- und Quad-Klasse geben. Konrad Kuhnt ist darum schon mal mitgefahren.

Schon früh um 8 knallt die Sonne auf den Parkplatz von Schloss Kapfenberg im Innviertel. Die Hitzewelle des Juni hat auch Österreich fest im Griff. Rund 140 Fahrzeuge warten darauf, dass es losgeht. Schrille Vehikel sind dabei, auch alte Kisten, aber ebenso viele normale Karossen. Dazwischen haben sich ein paar Motorräder gemogelt und eine CFMOTO CForce 1000 Touring Pro Overland. Mit der bin ich Pionier: Der erste ATV-Fahrer bei einem Pothole Rodeo. Was mich erwartet, weiß ich nicht so genau. Aber die CForce in Sandfarben und mit den Anbauten sieht zumindest so aus, als könnte sie jedes Abenteuer bestehen. Und so in etwa ist auch das Pothole-Prinzip. Fahr los und guck was passiert.

Roadbook statt Rennleitung

Du bekommst ein Roadbook mit täglich zwei Routenvorschlägen und vielen Anregungen für interessante Stopps oder außergewöhnliche Strecken. Aber halten muss man sich daran nicht. Pothole Rodeos sind das, was du daraus machst. Wichtig ist nur, dass du am nächsten Morgen beim Morgenappell am Checkpoint Deine Startnummer abstreichst, damit der Veranstalter weiß, dass Du noch im Rennen und nicht irgendwo „lost in Pampa“ bist.

Pothole-Bibel: Das Roadbook.

Der erste Checkpoint ist gleich extra-top: Der Silvretta Stausee auf über 2000 m Höhe. Das smaragdgrüne spiegelglatte Wasser glänzt in der Abendsonne und eine grandiose Stille liegt über der Szenerie. Prosaischer Nebeneffekt: Hier oben sind die Nächte kühl und der Nachtschlaf tief. Der spannendere Teil der Silvretta Hochalpenstraße auf der Vorarlberger Seite ist leider noch bis nächstes Jahr gesperrt, aber das Timmelsjoch am nächsten Tag entschädigt für alles. Hier ist die Overland in ihrem Element. Der V2 mit seinen 86 PS schiebt ordentlich aus dem Drehzahlkeller an und so zieht die CForce sauber Kehre für Kehre den Pass hinauf. Die Servolenkung und das Hinterachsdifferenzial machen das Kehrenfahren jetzt nicht zum Kinderspiel, aber ohne beides würde die Passfahrt vermutlich echt in Arbeit ausarten.

Kurz nach der Passhöhe heißen die Kehren plötzlich Tornante. Wir sind jetzt in Italien. Pardon, wir sind jetzt in Südtirol. Sprich in Südtirol nie von Italien, das mögen sie hier überhaupt nicht. Bergab beweist die Bremse der CForce echte Steherqualitäten und hält die Fuhre die ganzen 30 Kehren bis hinunter ins Passeiertal stramm im Zaum – von Fading keine Spur. Und weil es so schön war, kommt gleich danach der Jaufenpass; nur 20 Kehren – kein Problem. Bei der Abfahrt runter nach Sterzing rauscht vor mir einer auf dem Rennrad mit 60 km/h den Pass hinunter, perfekte Haltung, perfekte Linie, kein Wackler und keine Chance aufs Überholen – Respekt!

Romantik in den Dolomiten

Das nächste Camp liegt dann schon in den Dolomiten und da ist wirklich Italien. Für die örtliche Pizzeria gleich neben dem Lager ist heute ein „Lucky Day“ Sie ist fest in der Hand deutschsprachiger Potholer mit mehrheitlich österreichischem Akzent. Am Morgen nimmt ein Landy ein gepflegtes Fußbad im nahen Wildbach. Davon animiert, rumpeln ein paar wagemutige Potholer mit ihrem altersschwachen Golf ebenfalls in die Furt. Prompt verschluckt sich der alte Herr und kann erst am Abend wiederbelebt werden. Pothole ist eben, was du daraus machst. Manche versenken ihre Karre im Bach, andere düsen mal schnell zum Baden runter an die Adria. Aber als ATVler muss man sich genau überlegen, wie man fährt. Die Rodeos sind für Autos konzipiert. Dementsprechend lang sind die Tagesetappen. Unter 300 Tageskilometern geht praktisch nichts. Und auf die von Google Maps ausgewiesene Fahrzeit kann man getrost noch ein Drittel draufpacken.

Es sind lange Tage im Sattel. Zum Glück ist die CForce eine wirklich komfortable Reisemaschine. Zugleich ist der Unterhaltungswert der Alpen hoch. Hinter jeder Kurve gibt es praktisch ein neues Panorama und wenn trotzdem Langeweile droht, kommt garantiert der nächste Pass, etwa der Staller Sattel bei Antholz. Der ist einspurig. Kurz nach dem berühmten Biathlon-Stadion steht eine Ampel. Zwischen Minute 30 und Minute 45 darf man einfahren und spätestens zur vollen Stunde muss man oben auf der Passhöhe sein. Dann bekommt der Gegenverkehr dort grün. Weniger skurril, dafür artgerecht ist die Fahrt hinauf zur Straninger Alm. Endlich mal Schotter. Endlich kann die 1000er Overland mal richtig fliegen. Wenig später keuchen Matthias und Mike mit ihrem Audi Avant um die letzte Kehre. Potholer trifft man eben überall. Oben gibt es Kühlluft für den Motor und Kaltgetränke für die Crew. Ein Blick ins Roadbook legt nahe, dass der Abstieg auf der italienischen Seite wirklich nur für Offroader zu empfehlen ist. Und so verzichten die beiden und ersparen ihrem alten Audi diese Tortour. Mit der CForce ist die Talfahrt kein Problem, eher ganz das Gegenteil.

Spaß für alle bietet dagegen die Großglockner Hochalpenstraße. Es könne abschnittsweise regnen, warnt die Dame im Mauthäuschen unten in Ferleiten, bevor sie 46 € kassiert. Ganz schön happig, aber dafür befährt man auch ein knapp 48 km langes Denkmal. Die 1935 eröffnete Strecke ist weltweit die erste für den Automobilverkehr gebaute Passstraße. Das merkt man sofort. Die Kehren sind viel weiter und dadurch viel flüssiger zu durchfahren, als bei allen anderen Pässen. Und Eile ist geboten. Die Küche im Alpenvereinshaus schließt schon um 18:30. Das Abendessen ist reichlich, die Kammer karg, aber der Blick auf den Großglockner in der Morgensonne unbezahlbar. Man kann an der Straße locker einen ganzen Tag verbringen, soviel gibt es zu sehen. Die Edelweiß-Spitze gehört dabei zum unbedingten Pflichtprogramm. Mit 2572 m ist sie der höchste befahrbare Punkt Österreichs. Hinauf gelangt man über eine enge Pflasterstraße und der Rundblick dort oben ist phantastisch. Ebenfalls ein Must-See ist die Auto-Ausstellung im Besucherzentrum. Dort kann man die Vehikel bestaunen, mit denen unsere Eltern und Großeltern über den Pass in Richtung Adria gekraucht sind. Damals war der Großglocker eine ernsthafte Angelegenheit für Mensch und Maschine. Heute ist es eine Spaßstraße, aber eine die sich lohnt.

Der heimliche Hit des Pothole Rodeo Austria ist der Schlager „Aufsteh‘n ist schön“, den die Pothole-Leute jeden Morgen Punkt 6 Uhr durchs Camp blasen. Beliebt werden sie dadurch nur bedingt, aber egal. Schlaftrunkene Gestalten kriechen aus Zelten oder Autos, schnappen sich ihre Becher und stellen sich an zum Kaffee fassen im Pothole-Style. Auf einem Campingtisch steht löslicher Kaffee, und daneben ein riesiger Topf mit kochendem Wasser. Also Pulver in den Becher, eine Kelle Wasser drüber, fertig ist der Löskaffee, wie sie das Gebräu hier nennen. Die anschließende Fahrerbesprechung endet mit einem festen Ritual. Alle gehen in die Hocke, Arme nach vorn, richten sich auf, reißen die Arme nach oben und schreien so laut sie können „Pothole“! Jetzt sind alle wach und es kann losgehen.

Manche fahren allein, andere in kleinen Gruppen. Mich zieht es nach Slowenien. Das Das Roadbook sieht auch eine Route durch das kleine Land „unterhalb“ von Österreich vor und verspricht sogar ein paar Schotterstrecken. Aber die sind zu vernachlässigen im Vergleich zur Schönheit der Landschaft. Die schroffen Karawanken bilden den Hintergrund. Davor ist alles in ein sattes Grün getaucht – Bäume wohin man blickt, auch die Wiesen wirken irgendwie grüner als grün und selbst die Drau, die sich hier im Norden Sloweniens Richtung Donau schlängelt, ist natürlich tief grün.Über all dem liegt eine große Ruhe und Gelassenheit. Slowenien ist meine persönliche Entdeckung auf dieser Tour und verlangt definitiv mehr als nur diesen kurzen Abstecher. Aber heute ist schon der letzte Tag und das Ziel wartet. Also hoch zum Radlpass und wieder zurück nach Österreich. Den Zielbogen haben sie in Deutsch Goritz im Steirischen Weinland aufgebaut. Dort drückt mir jemand die Zielflagge in die Hand. Und so winke ich mich nach fünf Tagen und knapp 1700 km einfach schnell selber ab.

2027 sollen die Potholde Rodeos auch für ATVS und Quads ausgeschrieben werden. Für alle, die es einmal ausprobieren wollen, ist die Austria-Edition die beste Empfehlung. Wer das ganz große Abenteuer sucht, fängt gleich mit den Pothole Rodeos Balkan oder Marokko an. Von beiden werden wir auch noch berichten. Alle Infos gibt es auf backroadclub.com

  • Text und Fotos: Konrad Kuhnt

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